Vom Wunder der Umwandlung
Laurence Rogez: Apis Stella I/II 
oder > Leben heißt, den Tod anhalten <

„Ursache Zukunft“ lautet ein Projekt am Dornacher Goetheanum (3. 5. - 3. 8.). Laurence Rogez, in Stuttgart lebende Künstlerin, zeigt im Speisehaus am Goetheanum ihre Zyklen > Apis Stella I/II <, > Mon Amourabeille < und weitere Installationen, Kunstobjekte, Aktionen und Performance zum Thema > to bee or not to bee <. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen – ohne Biene keine Welt in der uns bekannten Form.
Ein Gesamtkunstwerk wird es sein, was im Frühjahr bis in den August hinein erlebbar wird: 107 Gläser Honigkunst zugunsten des Vereins Mellifera e.V., der sich für die wesensgemäße Bienenhaltung stark macht, die Speisekarte, die den Honig als Geschenk der Bienen würdigt und die Kunst - neben den großen Zyklen zusätzlich weitere Kunstwerke an Fenstern und Tischen.

Laurence Rogez hat ein besonderes Verhältnis zu Bienen. Ihr Vater, Hobbytierfotograf, führte seine Tochter sonntags in die Natur, ins elsässische Ried, Pantheismus anstelle eines Kirchgangs. Eines der ersten Steiner-Bücher, die Laurence Rogez in die Hand nimmt, ist der Zyklus „Über das Wesen der Bienen“. Dritte Inspirationsquelle zum Bienenthema ist das Werk von Joseph Beuys. So begleiten die Bienen das Leben und inzwischen auch das Werk der kraftvollen Künstlerin, deren Gestaltungsmittel allesamt aus der Natur entnommen sind. Für die Bienenprojekte ganz besonders – zu den Erdfarben, der Asche, dem Sand, den Pigmenten, dem Blattgold, dem verriebenen Edelstein kommen nun das Wachs, die Wabe, die Jute, mit dem die Bienenstöcke bedeckt sind und sogar der Bienenkorb selbst als Heimat einer Gemeinschaft voller Wunder.

Sieben Substanzen sind es, mit denen die Bienen arbeiten, entdeckt Laurence Rogez bei ihrer Arbeit – Propolis, Gelée royale, Honig, Pollen, Nektar, Wasser und Wachs. Sieben Planeten können dazu in Verbindung gebracht werden, ebenso die sieben Lebensprozesse, so dass daraus eine ganz eigene Arbeitsbasis sich ergibt:

Propolis: Sonne, Wärmung
Gelée royale: Mond, Reproduktion
Honig: Mars, Wachstum
Pollen: Merkur, Atmung
Nektar: Jupiter, Ernährung
Wasser: Venus, Absonderung
Wachs: Saturn, Erhaltung

Ausgehend von dieser Versuchsbasis, gestaltet Laurence Rogez ihre neuen Kunstwerke. Den Bienen gleich, die aus Nektar, Pollen, Propolis und Wasser aus dem Schoß der Natur durch ihre eigene innere Tätigkeit Gelée royale, Honig und Wachs erzeugen und so die Vierheit zur Siebenheit erhöhen, formiert sie sieben Bilder mit Blattgold, Kupfer, Bienenwachs, Waben, Eisen, Erde, Propolis, Beize, Schachtelhalm, Bienenwaben und Pflanzenfarben im Format 100 x 100 für > Apis Stella II <.

Es ist ein Spiel mit den Substanzen, weniger „Gemaltes“, es ist ein Prozess, jede einzelne Tafel ein Gewordenes und Werdendes. Aus dem, was die Natur gibt, entsteht Neues, Geschöpftes im besten Sinn, Weitergehendes, das entstandene Bild als Markierung auf einem Weg, der voranschreitet. Die Bienenrähmchen und Abdeckfolien stehen für das Gewordene, das Zeitliche, das Haus der Bienen. Als Gegensatz stellt Laurence Rogez am PC veränderte Bilder dazu. Die Sechseckform taucht häufiger auf, doch nicht statisch, nicht verlässlich, nicht starr: > Les larmes de Ré < zeigt Beweglichkeit, bei aller Systematik summt und brummt der Bienenstock. Bei > Vivre, c'est retenir la mort < findet sich zentral ein Schachtelhalm. Die siliziumhaltige Pflanze symbolisiert wie kaum eine andere Aufrichtekraft und steht so auch sinnbildlich für die Kristallisationsprozesse im Menschen. Mensch und Biene, eine Symbiose? Oder doch eher in unserer Zeit ein einseitiger Ausnutzungspakt?

Hier öffnet Laurence Rogez Türen zu einer neuen Sicht auf die Biene. Die Biene wurde in vielen alten Völkern verehrt, sie ist biblisch „das Land, wo Milch und Honig fließen“, aus Pflanzlichem wird Lebenskraft, ein weibliches Prinzip, und doch findet sich in der Organisation des Bienenstaats und seiner Leistung, eine konstante Temperatur, dem menschlichen Körper gleich, zu halten, auch Männlich-Ordnendes. Die einzelne Biene ist Teil ihres Volkes, im Verzicht auf die eigene Fortpflanzung schenkt jedes Tier dem gesamten Stock seine Liebekraft - „Ich bin klein, der Bien ist groß“.

Die Biene im Zyklus, die dem Betrachter entgegen tritt, stammt von der Artemisstatue in Ephesus, das Dia wurde via PC verändert. So arbeiten moderne Technik, archaische Bilder, Erdsubstanzen und der lange Durchdringungsprozess im Geist der Künstlerin, das Kraftvolle, das ihrer Kunst so zu eigen ist, Hand in Hand, entsteht das, was die Biene am meisten ist – Mittler zwischen Sonne und Mensch; wie Christus sind Bienen Bewohner zweier Welten.

In unseren Breiten gibt es lediglich die westliche Honigbiene als Sammlerin, und das bei 20.000 Sorten weltweit – menschliches Handeln und unser unvernünftiges Entnehmen aus den Schätzen der Natur, ohne für einen Ausgleich zu sorgen, vernichten Bienenvölker, Milben haben leichtes Spiel. Ohne Biene keine bestäubte Blüte, ohne Blüte keine Frucht, ohne die unablässige Arbeit von Apis stirbt das Leben auf dem Stern – apis stella. Ein Mahnmal des Herzens, gestaltet mit den Mitteln der Natur, ein Prozess, der andere in Gang zu setzen vermag, wenn man nur zu lesen vermag.

> Apis Stella I <, geschaffen 2005 für das III. Beuys-Symposium in Achberg, ist eine Installation mit sieben Bienenkörben und sieben Skizzenbüchern. An jedem Tag der Ausstellung wurde ein Bienenkorb umgestülpt. Auch hier die bedeutsame Siebenheit: Sieben Körbe, Planeten, Substanzen der Bienen und dazu sieben beispielhafte Urbilder des Weiblichen: 
Propolis: Maât, Gelée royale: Melete, Honig: Moût, Pollen: Mellissae, Nektar: Isis, Wasser: Maria, Wachs: Sophia.

Entstanden ist ein Zyklus, der berührt und trifft – direkt ins Herz. Auf fragilen Stützen stehen die Körbe, so zerbrechlich wie unsere ach so sicher geglaubte Welt. Darunter verbergen sich die Skizzenbücher. Wie Schriftsteller Gedanken in ein Büchlein notieren, hat Laurence Rogez ihre Assoziationen, ihre Auseinandersetzung mit dem Thema, ihr Ringen um ihre Gestaltung festgehalten, Schöpfungsgeschichten.
Jede Seite dieser Skizzenbücher zeigt eine Folge von sechs Bildern, einen Weg in sechs meditativen Stufen: eine Metamorphose pro Blatt.
Die Biene war bei den alten Griechen das Bild der Seele, das Blumenfeld die Erde, der Leib und der Bienenkorb der Geist. So wird aus der Rundung des Bienenkorbs ein neuer Gedanke in die Welt geboren, golden strahlend, zartherzig Umfedertes im Nest, entsteht Leuchtendes in Blau und Gold, Verbindendes, Sakrales.

> Mon Amourabeille <

2006 nach dem massiven Bienensterben im letzten Winter, entstand dieser Zyklus, der sieben Bilder (200 x 50 cm auf Leinwand) thematisch mit den sieben Worten Christi am Kreuz verbindet.

1. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Lk 23,24 
2. „Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du im Paradies sein.“ Lk 23,43
3. „Vater, in deine Hände befehle ich meinem Geist.“ Lk 23,46 
4. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Mk 15,34 Mt 27,48 
5. „Frau, siehe, das ist dein Sohn - Sohn, siehe, das ist deine Mutter.“ Joh 19,26
6. „Mich dürstet.“ Joh 19,28
7. „Es ist vollbracht.“ Joh 19,30

Biene und Christus, Bewohner und Mittler zweier Welten. Wie sich die Biene hingibt, gibt sich Christus am Karfreitag hin – unendliche Liebekraft, sieben Worte, sieben Bilder, verbunden durch diesen einen Gedanken, den Urgrund allen Seins. Die Erde als Mikrokosmos, darin der Bienenstaat, und das Ostergeschehen, das weit hinausreicht ins All, kreisend um den einen Gedanken der grenzenlosen Liebe.

Steiners Aussage: „Wir haben ja auch Bienen in uns, nämlich unser Blut. Das Blut, das in unserem Körper herumzirkuliert, das verrichtet dieselbe Arbeit, welche die Bienen im Bienenstock verrichten“ (in: Über das Wesen der Bienen), umgesetzt in Bilder. Biene und Mensch – lernen sollten wir voneinander, das Heilende der Biene achten lernen, staunend stehen vor ihrer Leistung.
Zwischen „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Es ist vollbracht“ bildet sich der Zyklus kraftvoll aus, verwandelt sich die irdische Biene in den kosmischen Christus, erscheint im Kleinsten das Größte in starkem Farbgegensatz zwischen dem warmen Gold der Wabe und dem Braunton der Walnussbeize, gehöht durch Blattgold, für Laurence Rogez ein wichtiger Werkstoff.
Am Ende des Zyklus umkreisen sieben Bienen das Herz Christi, als ob sich die Rosen in ein „Bienenkreuz“ verwandelt hätten. Das lässt sich sogar weiter meditieren!

Ihr Weg, gekennzeichnet von der Suche nach Licht, die sich in ihren Werken manifestiert, wird begleitet vom geistigen Weg, der Suche nach dem Licht der Erkenntnis. So geht es ihr immer um Verbindungen: Zwischen Erde und Kosmos, zwischen den selbst hergestellten Farben und dem Untergrund, zwischen dem Geist und der Materie, zwischen ihrem Herzen und dem des Betrachters. Kunst als Vermittler, getragen vom Ringen um Erkenntnis, umgesetzt in Werke, die sich nicht sperren, ihre Symbolik dem preis zu geben, der lesen mag.

So schließt sich mit > Stella Apis II <(vielleicht nur vorläufig) ein Kreis, kommt ein künstlerisches Werk an einen Ort, von dem aus geistige Inspiration vieles in die Welt getragen hat, stellt sich Kunst in einen höheren Rahmen an einem Ort, der der Ernährung dient – hier finden sich Bienen und Menschen auf vielfältige Weise zusammen.

Ihre Zyklen hat Laurence Rogez mit Rilkes Wort, das er auf französisch schrieb, verbunden:
„ Nous butinons éperdument le miel du visible pour l’accumuler dans la grande ruche de l’invisible“
„Wir trinken unablässig den Honig des Sichtbaren, um ihn in dem großen goldenen Bienenkorb des Unsichtbaren anzusammeln.“
Ein weiterer Text von Rainer Maria Rilke sei angeführt, um abschließend den Bogen zu schlagen zu den Vorgängerarbeiten von Laurence Rogez:

Alle Straßen führen
jetzt gerade hinein ins Gold:
die Töchter vor den Türen
haben das so gewollt.

Sie sagen nicht Abschied den Alten,
und ist doch: sie andern weit;
wie sie so leicht und befreit
anders einander halten
und in anderen Falten
um die lichten Gestalten
gleitet das Kleid.

 

Christine Krokauer, Würzburg

 

             > Hirschbilder < 

Im Werk der 1960 in Straßburg geborenen Künstlerin, nimmt die Serie > Hirschweihe < eine Sonderstellung ein. Es handelt sich um sechs Arbeiten in Mischtechnik auf Papier, alle im Format 70 x 100 cm, in denen das Motiv des Hirsches im Zentrum steht. Schwarzes Pigment, Goldpigmente, Asche und Erde aus Marokko und der Provence sind die Malmaterialen. 


> Hirschweihe 2 < 

Der Blickpunkt des Bildes ist der rotbraune Körper eines Hirsches, der in seinem transparenten Malduktus das satte Schwarz des Bildgrundes, das die ganze rechte Bildhälfte hinterfängt, durchschimmern lässt. Über ihm erhebt sich eine breite kreuzartige Form aus körniger Asche in ein goldenes Viereck hinführend. 
Golden ist auch ein breiter Strich, der Kreuz- und Rahmenform links begrenzt. Schwarze, weiße und braune vertikale Streifen, die die ganze Länge des Blattes bemessen, gliedern die linke Bildhälfte. 

Aus dem Zentrum heraus benetzen das Bild, wie ein Geäder, die braunen Fließspuren des Geweihs: senkrecht über dem Hirschkopf erhebt sich der stärkste Ast; andere Verzweigungen ragen diagonal auf und legen sich fadenartig in die Waagerechte. Eine Serie von Kratzspuren vergittern die Streifen links oben und bilden formal ein Gegengewicht zum braunen Hirschkörper. Der Hirsch scheint wie in einer Bewegung innezuhalten, für einen Moment stillzustehen, abzuwarten. Seine ganze physische Präsenz verdichtet sich im Kopfbereich; er schaut hinein ins Bild, weit über den linken Blattrand hinaus. Sehend, hörend, riechend nimmt er umfänglich seine Umgebung wahr. Sein fühlerartiges Geweih scheint dabei Verlängerung seiner Sinnesorgane zu sein und verbindet, verwebt ihn auf das Vielfältigste mit seiner Umwelt. Wie an einer Schwelle hält das Tier hier vor dem zentralen weißen Streifen inne, in den sich seine Schnauze schattenhaft eingräbt. 

Das warme, erdfarbene, auf weißem Grund hell strahlende Rotbraun ist Ziel seiner Bewegung, ist das- zunächst farblich- ihm Entsprechende und ist, wie die Öffnung über die Blattränder hinaus zeigt, Teil eines viel Größeren, für uns nicht sichtbaren Bereichs. Im scharfen Kontrast zu der amorphen Weichheit des Hirschkörpers zeichnet sich das äscherne Kreuz und die goldene Rahmenform ab. An die Urform eines Altars möchte man denken, an eine primitive, uralte Opferstätte. 

Der Hirsch, so könnte man zusammenfassen, ist hier Träger höherer Wahrnehmungsfähigkeiten, ist selbst Teil einer größeren Lebendigkeit; darauf weisen die Farben hin. Zudem ist er in seiner körperlichen Beschaffenheit - sein Körper ist nicht nur transparent; er birgt einen Innenraum - Gefäß für anderes, etwa besondere Seelenqualitäten. 
Ein Wesen an der Schwelle: vor dem Sinnbild des archaischen Altares, der mit dem Rumpf des Tieres verbunden ist, richtet er sich - seinen Körper, seine Wahrnehmung, seine Bewegung - hin zum Bereich der intensivsten, fast plastischen Farbigkeit. Sie mag für neues, junges Leben stehen, für Zukünftiges. 

Wegen seines alljährlich sich erneuernden baumartigen Geweihes galt der Hirsch in frühen Kulturen als Symbol des sich unaufhörlich verjüngenden Lebens, des Kreislaufs der Natur, und der Neugeburt. In der altkeltischen Mythenwelt gelten Hirsche als Boten zwischen der Welt der Götter und jener der Menschen. Im Christentum ist er in Anlehnung an Psalm 42/43, 2 ein Bild des nach Gott dürstenden Menschen. Häufig findet man in diesem Sinne Darstellungen des aus dem Brunnen des Lebens trinkenden Hirsches ( z.B. auf dem Mausoleum in Galla), der so ein Gegenbild zur Schlange des Paradieses ist. Mitunter findet man ihn auf Darstellungen Adam und Evas, so z.B. auf dem Kupferstich Albrecht Dürers von 1504. Hier verweist er im christlichen Sinn auf eine Überwindung des Sündenfalls. 

Als " König des Waldes" genießt der Träger des Geweihs schon immer besonderes Ansehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass bis heute nicht geklärt ist, warum Hirsche die große physiologische und stoffliche Belastung auf sich nehmen und ihr Geweih Jahr für Jahr im Herbst abwerfen, um es im Lauf des Frühjahrs unter der Bildung von mehreren Pfund Kalziumsalzen, die sie aus ihrer Gras- und Blattnahrung aufnehmen müssen, neu aufzubauen. 

In unserem Jahrhundert hat sich ein Künstler immer wieder und sehr gründlich mit dem Leben des Hirsches befasst:Joseph Beuys. Schon in den Titeln früher Zeichnungen schlägt sich die Beschäftigung mit dem Tier nieder: "Hirschkuh" (1952) "Hirsch"(1955), "Hirsch und Mond"(1954), "Toter Hirsch auf Urschlitten"(1955), "Roter Hirsch"(1956). Schließlich als raumgreifende Installation "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch"(1958-1985, auch auf der Documenta 8, 1987.) 

Die Bilder von Laurence Rogez lassen immer wieder an Beuys denken, man kommt in der Beschäftigung mit ihnen an ihm nicht vorbei. Da sind die Hirschköpfe und - Körper, die Geweihe, die Farben, besonders das Erdbraun und Beuyssche Kreuz, Braunkreuz. In motivlicher Hinsicht ist Laurence Rogez von Beuys fasziniert und inspiriert, einige seiner Themen - z.B. Tod, Geburt, Schwelle zum Unsichtbaren - finden sich bei ihr wieder. 
In künstlerischer Hinsicht aber distanziert sie sich deutlich von ihm, da beschreitet sie ganz andere Wege: sie malt schnell, mit großzügiger Geste und grundsätzlich von der Farbe ausgehend, von Material und Stofflichkeit. Im Prozess der Entstehung entwickeln sich Formen, Strukturen, mitunter auch Motive. Der "Zufall" im Umgang mit den Materialien spielt da eine entscheidende Rolle. 

Laurence Rogez spricht von "geführter Spontaneität." Farbe und Material eignet in ihrem vorgehen große Bedeutung, So sind in der > Hirschweihe < -Serie verwandten Materialien anspruchlose, raue, der Natur entnommene, nicht etwa glänzende Ölfarbe. Mit den Farben verbindet sie im Einzelnen auch Seelenqualitäten, mit dem Schwarz Verzicht, mit dem Braun Demut, mit dem Grau der Asche Opferbereitschaft und Vergänglichkeit, Gold versteht sie als "schwer gewordenes Licht", Weiß schlicht als Licht. 

Laurence Rogez bekennt sich zum Schwarz, zu einer "Kunst ohne Schmuck, ohne Inhalt, ohne Romantik". Sie bezieht sich hier zum einen auf chinesische Kalligraphie, zum anderen auf den Maler des Schwarz im 20. Jahrhundert: Ad Reinhard. Auch Künstler wie Paul Klee und Henri Matisse äußern sich über das Schwarz als eine durchaus lebendige Farbe. Für Max Beckmann war es der unendliche Raum der Götter. 

In unserem Bild ist das Schwarz auf einer Ebene Bild des Totes, des Leblosen. Wie aber das Schwarz Leben erhält, so ist der Tod hier auch nicht als Ende, sondern als die andere Seite des Lebens aufzufassen, als die andere Seite eines geistigen Prinzips. 


> Hirschweihe 5 < 

Tauchen wir noch einmal ein in die Qualität der braunen Farbe und die, wie ich sie nennen möchte, radikalste Version des > Hirschweihe < - Themas. 
Großzügig und schnell ist die Farbe hier aufgetragen, der Hirsch so flächig, ja hart in seinen Konturen wie auf keinem anderen der Bilder. An der Mittelachse orientiert ist diese Komposition extremer in der Zweiteilung: Leuchtendes, mit senkrechten Strichen aufgetragenes Hellbraun füllt die rechte Bildhälfte annährend aus und öffnet das Blatt nach rechts und unten. Gehalten wird die Farbe wie an einer Achse von einem rotbraunen Farbstreifen, den die Künstlerin in vielen horizontalen Fließspuren zu seiner Umgebung geöffnet hat. Er ragt über den hellbraunen Block hinaus und trägt an seinem oberen Ende ein goldenes Kreuz: Kristallisationspunkt, Sinnstiftung des großen Farbfeldes. 

Der Körper des Hirsches ist mit wenigen großzügigen Strichen des Rotbraun grob bezeichnet. Er scheint zu liegen und doch ist er in äußerst zielstrebiger Bewegung: die Fließspuren hinten vermitteln den Eindruck als zöge er etwas, und sein Kopf ist in harter Kontur und dem scharf gezeichneten Auge ein Bild der Zielstrebigkeit, alles an ihm ist nach vorne orientiert, nur sein Geweih setzt da ein vertikales Zeichen. Es ragt senkrecht nach oben auf mit fühlerartigen Verzweigungen, die das Bild einer Antenne unmittelbar evozieren. Senden und Empfangen: auch ein Bild für die Tätigkeit der Sinnesorgane. Verwoben ist das Tier hier durch sein Geweih, jedoch nicht nur mit seiner näheren Umwelt, kabelartig spannen sich einige Linien quer über das Blatt und münden in die große braune Fläche in unmittelbarer Nähe des Goldkreuzes. 

Seiner entschiedenen Ausrichtung und Konzentration nach außen seht ein stilles, fein ausgeformtes Innenleben gegenüber: auf den schwarzen Spalt, dem Hohl- und Innenraum des braunen Körpers, hat die Künstlerin eine kleine, fein ausgestaltete, liegende Figur in Gold gemalt, von deren Kopf eine Verbindungslinie zum Auge des Hirsches führt. Das Auge - das Sinnesorgan der Erkenntnis; es mag hier stellvertretend für alle Sinnesorgane des Hirsches stehen - ist also nicht nur in einer Wechselwirkung mit der Außenwelt, mit dem Wesen im Innern besteht eine feine, im Gold veredelte, direkte Verbindung. 
Golden ist auch die größere Längung unterhalb des Hirsches (die goldenen Wesen lassen an Bilder des Italieners Enzo Cucchi denken), deren Fließspur in Bezug steht zu der des Goldkreuzes. Weniger eindeutig als Figur zu erkennen, mutet doch auch sie wesenhaft an und sie ist der Boden, der Grund, auf dem der Hirsch ruht, existiert. Zweifach goldgeweiht ist das Tier also und auch in sofern ist es das radikalste Bild der Serie: weil hier im Bild ausformuliert wird, was in anderen Versionen Geheimnis bleibt: die Weihe des Hirsches. 

Auszug aus einem Text von Martina Siebeck, Kunsthistorikerin, Stuttgart 



ZUM THEMA >LABYRINTH< 

Hier der rote Faden... 


Seit ca. 14 Jahren führen wir, mein Mann und ich, Reisegruppen in die Welt der Kathedrale von Chartres und insbesondere hat mich dort das Begehen des Labyrinthes jedes Jahr neu fasziniert. Jedes Mal ein ganz neues Erlebnis!
Was geschieht in diesen 11 konzentrischen Ringen, wo man immer wieder pendelt, von links nach rechts, von rechts nach links, 28 x umkehren muss und das Zentrum nie so weit entfernt ist als da, wo man es anzufassen glaubt...? 
Dieser Weg , auch " Reise nach Jerusalem" genannt, ist auch eine art 
  - Pilgerweg: Bußweg, Heilsweg, Kreuzweg - das Kreuz ordnet das Lebenschaos - 
  - Läuterungsweg: durch die Ausrichtung auf das Zentrum 
  - Initiationsweg: durch das Umkehren der Sinne auf das Wesentliche 
                           Motiv des Neugeboren-Werdens 
Im Zentrum angekommen befindet man sich inmitten einer 6-blättrigen Rose. 
Mit dem "Prinzip Umweg" lernen wir die Ausdauer, durch alle Umkreise sind wir einen Individuationsweg gegangen- vom Dualismus des Weges (links-rechts) zur Mitte (Einheit, Identität). In der Mitte wird die Zeit zum Raum, diese Ruhe lebt von den vorausgegangenen Bewegungen, sie enthält sie und erhöht sie in einen neuen Bewußtsseinsbereich : Einswerdung - Kon-zentration - Regeneration. 
Deswegen der Titel der Arbeiten "Labor intus" = arbeiten hinein. 
Es gibt auch architecktonische Entsprechungen zwischen der Westrose und dem Labyrinth: 
1. beim "Kippen" der Westfassade würde der Westrose genau dem Labyrinth decken ( Diameter12,45m) 
2. am 15. August lässt der Sonnenschein das Bild der Maria aus dem mittleren Fenster (unterhalb der Rose) auf die     Mitte des Labyrinths fallen. 
Die Rose in der Mitte bedeutet für mich so etwas wie ein "Maria-Werden" der Seele. 

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